Die letzten Wandertage: Traverse Royal auf den Mont Blanc und bester Abstieg mit dem Gleitschirm

Traverse Royal

Der Rest der Wandergruppe war nach dem Kuffner am frühen Nachmittag des Dienstags schon wieder am Auto. Was tun mit dem Rest der Woche?

Mittwoch etwas schlechteres Wetter, ab Donnerstag immer besser, wärmer (in diesem eh viel zu warmen Jahr), vor allem aber am Samstag immer schwächer werdender Wind am Mt Blanc. Das Ref. Conscrits hat Platz, auch das Ref. Durier – alles klar: Traverse Royal und wir nehmen die Schirme als Abstiegsoption mit. Lenzi will auf jeden Fall auf den Gipfel, der Flug wäre das i-Tüpfelchen. Allein die Traverse ist eines der ganz großen Ziele, das wir uns erhofft hatten. Wenn noch der Flug klappen würde…

Die kürzeste Abtiegsoption wäre zur Midi. Über den Dôme de Gouter hätten wir genau dort nochmals Startoptionen in alle Richtungen. Sollte Johannes niemanden finden an den er sich für den Abstieg anschließen kann, verzichtet Martin auf den Flug. Wir werden sehen.

Refuge Conscrits

Wie wir uns über drei Tage von unten dem Berg nähern, gefällt mir. Natürlich, der Weg ist länger – aber Du hast auch mehr davon. Kein schnelles Überspringen von Vegetationszonen in der Seilbahn, sondern das Erleben der 1600Hm zur Conscrits Hütte. Die anrollende Hitzewelle macht uns zu schaffen, unten sind wir über den schattigen Wald, oben über jede Wolke froh. Welch Überraschung, dass uns auf der Hütte eine kostenlose, wenn auch kalte Dusche angeboten wird. Für kalt duschen zahlten wir in Chamonix noch drei Euro, und anstatt kalt ist hier das Wasser tatsächlich mehr als lauwarm. Perfekt 😉

Überschreitung Dôme de Miages

Das Abendessen war gut, die Nacht für Johannes leider nicht: Sein hartnäckiger Schnupfen holte ihn ein und mit Hustenattacken war kaum an Schlaf zu denken. So will er nicht weiter rauf und auch uns die nächste Nacht etwas leichter gestalten. Die Entscheidung abzusteigen fällt ihm nicht leicht.

Weiter zu viert

Zu viert starten wir wegen der warmen Temperaturen noch weit vor Sonnenaufgang. Das Gelände nimmt langsam an Steilheit zu, wird ausgetzter, aber nie unangenehm. Die Grate lassen sich gut gehen, und sind genau richtig für Lenzi, um wieder Sicherheit und Selbstvertrauen zu gewinnen. Allein der starke Wind stört etwas. Vom letzten Dôme hinunter zur Durier Hütte zieht es sich: Brüchiges Blockgelände, rauf, runter, links, rechts. Wir nähern uns dem Ref. Durier, das aber, seit wir es entdeckt haben, scheinbar nicht größer wird. Ist es, ähnlich zum Scheinriesen in Michael Ende’s Jim Knopf, eine Scheinhütte, die immer kleiner wird, je mehr man sich ihr nähert?

Letztlich behält sie ihre Größe, oder besser: „Kleine“. Recht viel größer muss eine Hütte mit 12 Schlafplätzen für Gäste plus der zwei Plätze für das Personal nicht sein. Es ist kurz nach 10:00 Uhr, wir liegen deutlich unter der Führerzeit, sind die ersten und haben viel Zeit zum Ausruhen und Planen. Die scheinbar legendäre Hüttenwirtin hat ihren Job an einen jungen Wirt übergeben. Der witzige, nette Kautz betreibt die Hütte mit einem Angestellten.

Langsam trudeln weitere Gäste über den Direktanstieg ein. Keine Frage, es wird voll. Das Essen ist trotz der beschränkten Möglichkeiten wieder gut, und wir diskutieren mit den anderen Gästen den Zeitpunkt für das Frühstück. Unser Wunsch, 2:00 Uhr, sorgt für Erstaunen. Den gut 150m hohen Felsteil müssen wir zu viert am Seil klettern und werden sauber sichern, anstatt am laufenden Seil zu gehen. Das kostet Zeit, deshalb der frühe Aufbruch. Mit uns stehen ein Führer und sein Gast auf, der Rest bleibt 30 Minuten länger liegen.

“Gipfeltag”

Nicht nur Schwarz

Wir finden im Dunkeln problemlos den Weg bis zum Felsteil, Lenzi ist begeistert von der Stimmung mit ¾ Mond und all den Stirnlampen an der italienischen Seite. Im Felsteil werden wir wie erwartet langsam und von fast allen Seilschaften überholt. Die Kletterei ist „alpiner“ – anders als am Cosmique oder auch Entrevers Grat: Etwas brüchiger, es liegt mehr Schutt herum. Bevor es irgendwie doch nervig wird, stehen wir wieder im Schnee und schnaufend geht es hinauf zum Bionassey Grat, dem Herzstück der Überschreitung. Perfekte Verhältnisse – und schon stehen wir am Anstieg hinauf zum Dôme de Gouter. Lenzi freut sich riesig und ist erleichtert, das Schwerste geschafft zu haben. Die Schnauferei begleitet uns die nächsten Stunden, wir holen langsam wieder alle anderen Seilschaften ein und am Gôuter reihen wir uns in den Normalweg ein. Die neue große Spalte am Bosses Grat umgehen wir auf der nun üblichen Spur in der Nord Flanke, es kommt eine Kuppe. Die ist nicht der Gipfel. Dann noch eine, und dann noch eine. Irgendwann ist die Kuppe der, wie Lenzi später sagt, erstaunlich unspektakuläre Gipfel. Es geht halt nicht mehr weiter rauf. Polen freuen sich, eine Gruppe Spanier freut sich, und flippt förmlich aus, als deren Freunde, offensichtlich ein paar Tage in der Südseite unterwegs, oben ankommen.

Wir sind noch angespannt – richtige Freude kommt nicht auf: Der Wind bläst direkt und stark über den ostseitigen Grat hinauf. Naja, es ist erst 10:00 Uhr und wir haben uns bis 13:00 Zeit gegeben. Es kommen noch zwei Chamoniarden mit ihren Schirmen und warten auf Freunde, langsam wird der Wind schwächer.

Zum Auf-die-Knie-fallen

Martin erklärt sich bereit, als letzter zu starten, Kathi startet als erste. So kann ich bei Lenzi bleiben, der als 2. starten soll, ich starte daherals 3. Kathi will es wissen, packt ihren Schirm aus, aber der Wind kommt mal von hier, mal von da, der Schirm rollt rechts ein, dann links, klappt weg, fällt vorn zusammen. Ein Tandempilot macht vor, wie es geht und startet bewundernswert kontrolliert – zum Auf-die-Knie-Fallen. Letztlich wechselt Kathi vom Rückwärts- zum Vorwärtsstart und ist beim ersten Versuch draußen.

Dann hebt er ab…

Nun ist es an Lenzi. Ein Jahr Flugschein, gerade über drei Tage auf den Mont Blanc hinauf und nun sein erster Hochgebirgsstart überhaupt. Er ist nervös, ich auch, vielleicht sogar nervöser, frage nicht. Zwei, drei Versuche, etwas stimmt mit den rechten Leinen nicht – Bremsleine einmal verwickelt. Der nächste Versuch passt, der Schirm steht, souverän löst er den kleinen Verhänger. Gegen den Wind hinauf zur Kante, nordseitig paar Schritte beschleunigen und da fliegt er. Krass.

Ich brauche ein paar Versuche beim Aufziehen, dann steht der Schirm gut da. Es geht die N-Seite hinunter, ich komme nicht wirklich weg und kann es mir noch immer nicht erklären, was passiert. Letztlich setze ich wieder auf und rutsche die N-Seite hinunter. Da kommen dann irgendwann die Seracs, sollte ich also bald mal die Rutscherei beenden. Martin kommt herunter, ob etwas passiert sei? Alles gut und wir stapfen schnaufend wieder rauf. Es folgen zig weitere Versuche. Wie bei Kathi klappt der Schirm mal hier, mal da, langsam wird es peinlich. Martin hilft unermüdlich den Schirm neu auszulegen. Letztlich der Tipp von ihm, keine anderen Leinen als die Bremsleinen in der Hand zu halten. So startet er seinen Run&Fly – und tatsächlich: Beim nächsten Versuch steht der Schirm satt und nach wenigen Schritten geht es dahin.

Ich blicke mich immer wieder um, und sehe dann auch Martin starten. Nun kann ich den Flug genießen und bin begeistert. Als ich Anfang der 1990er meinen Flugschein machte, war der Flug vom Mt. Blanc ein Traum. Damals war für mich als reinen Gelegenheitssportkletterer allein der Mt Blanc meilenweit weg. Nun, gut 30 Jahre später, über die drei Tage mit meinem Sohn raufzugehen, und nun auch noch mit der besten Abstiegsart hinunter zu kommen, ist schier unglaublich. Gerade geht ein großer Traum in Erfüllung.

40 Minuten

Nach etwa 40 Minuten landen Martin und ich kurz hintereinander in Chamonix, wo uns das Landebier bei Johannes, Lenzi und Kathi erwartet. Erschlagen vom Temperaturwechsel packen wir zusammen, gehen duschen und treffen uns später zum Abschlussessen der Wandergruppe Sonnenschein. Lenzi’s Plan, sein Mt Blanc Bier auszugeben, fällt der Hitze und der noch anstehenden Heimfahrt der anderen zum Opfer. Wir geben Kathi noch unsere Ski mit – die werden wir wohl nicht mehr brauchen. Während alle anderen in Richtung Heimat aufbrechen, fahren wir zum Galibier und genießen auf 2.700m die Kühle Nacht.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit waschen und baden am Camping du Lac – auch eine zweite Heimat für uns. Das Wetter sieht nicht nach Hochgebirge aus, ich sichere Lenzi beim Sportklettern. Er hatte beim Aufstieg zur Conscrits zu Protokoll gegeben er werde im Sommer wieder 7a klettern. Nun ja, jetzt muss erst mal wieder 6a klappen 😉

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